Auf den Spuren von C.W. Gluck

Glucks Denkmal in Weidenwang

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Christoph Willibald Gluck und Berching
von Dr. Hans Rosenbeck, Kulturreferent der Stadt Berching

Wer war Christoph Willibald Gluck? Ein Weidenwanger? Ein Erasbacher? Ein Berchinger? Ein Oberpfälzer? Ein Bayer? Ein Böhme? Ein Österreicher? Oder ein Franke? Ein Franke? Unsinn werden Sie jetzt vielleicht denken. Gemach - für jede Landsmannschaft lassen sich Belege finden.

Die Nationalität des Tondichters steht aber nicht im Mittelpunkt des folgenden Beitrags. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, wie man an seinem Geburtsort mit dem Andenken an den großen Tondichter umgegangen ist. Darstellen möchte ich dies am Beispiel des Gluck-Denkmals in Weidenwang. Warum gerade das Denkmal in Weidenwang? Nun, die Geschichte ist ausnehmend gut dokumentiert1. Aber es gibt noch weitere Gründe: Das Weidenwanger Denkmal war etwas ganz Ungewöhnliches. Ein stattliches Bronze-Denkmal in einem damals bettelarmen Oberpfälzer Bauerndorf. Wie viele Denkmäler in armen Bauerndörfern kennen Sie? Und schließlich erscheint auch die Form seiner Finanzierung höchst außergewöhnlich.

Die Geschichte von dem Gluck-Denkmal in Weidenwang führt uns zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts zu Pfarrer Caspar Ainmiller in Weidenwang. Er war der Initiator dieses ungewöhnlichen Vorhabens. Am 25. November 1859 richtete er ein Schreiben an den damaligen Landrichter Stadelbauer in der Bezirksstadt Beilngries mit der Bitte, dass dem „Christoph Gluck seiner Zeit dahier eine Gedenk Tafel gnädigst möge errichtet werden“2.

Mit Gluck, bzw. mit Anfragen Gluck betreffend, hatte Pfarrer Ainmiller in der Vergangenheit schon mehrfach zu tun gehabt. Bereits 1842 hatte der Kustos der Hofbibliothek in Wien, Anton Schmid, für seine Gluck-Biographie um ein pfarramtliches Geburtszeugnis gebeten3. Der historische Verein von Regensburg und Oberpfalz hat sich in den Jahren 1845 und 1846 in Sachen Geburtsort von Gluck in Neustadt oder Weidenwang zweimal an den Weidenwanger Pfarrer gewandt. In einer seiner Antworten berichtete Pfarrer Ainmiller auch von der mündlichen Überlieferung im Dorf, dass „in Weidenwang ein Gluck gewesen sein soll, der sich auf allen Instrumenten ungemein gut auskannte“4. Eine weitere Anfrage zu dieser Thematik kam 1854 vom königlichen Ministerialrat Leonhard von Holler5.

Der Beilngrieser Landrichter Stadelbauer hat sich durch persönliche Inaugenscheinnahme der Einträge im Taufmatrikel und Salbuch vom Wahrheitsgehalt der Ainmiller’schen Angaben überzeugt. Noch im gleichen Monat richtet er an die Regierung von Mittelfranken in Ansbach die Bitte zur Errichtung einer Gedenktafel für Gluck in Weidenwang. Die Regierung spielte den Ball zurück und forderte die Gemeinde auf, sich zuerst über Inschrift und Ort einer Gedenktafel schlüssig zu werden6.

Pfarrer Ainmiller erinnerte daran, dass das alte Forsthaus, wo Gluck vermeintlich das Licht der Welt erblickt hatte, 1792 durch einen Neubau ersetzt worden war. Außerdem hielt er das Forsthaus aufgrund seiner abseitigen Lage ungeeignet für eine Gedenktafel. Er schlug deshalb einen Platz südlich von Kirche und Pfarrhof an der Straße vor. Dort sollte eine Gedenktafel mit der Inschrift „In diesem Orte ist geboren der Tondichter Christoph Gluck“ aufgestellt werden. Allerdings stand hier kein Haus und somit waren höhere Unkosten für einen Sockel oder dergleichen zu erwarten.

Die Gemeinde wollte sich mit 10 Gulden an den Kosten beteiligen. Mehr war nicht zu erwarten, da die Gemeinde immer noch unter den Folgen eines Großbrandes litt, der 1836 das halbe Dorf in Schutt und Asche gelegt hatte. Außerdem war die Bürgerschaft durch den erst 10 Jahre zurückliegenden Schulhausbau und die gestiegenen Heizkosten für das Lehrzimmer finanziell stark belastet. Diese Mitteilung wurde mit der Bitte um weitere Veranlassung an die Regierung in Ansbach übermittelt. Dort war man aber der Auffassung, dass die Gedenktafel einzig und allein Sache der Gemeinde wäre. Die Gemeinde sollte einen Kostenvoranschlag mit Zeichnung herstellen. Sobald die Finanzierung gesichert sei, sollte man sich „zur weiteren Entschließung“ wieder melden7. Angesichts der möglichen finanziellen Belastungen schien sich Landrichter Stadelbauer seiner Sache nicht mehr ganz sicher gewesen zu sein. Er richtete eine Anfrage an den Historischen Verein von Regensburg und Oberpfalz, ob Weidenwang tatsächlich der Geburtsort Glucks war, nachdem auch Neustadt an der Waldnaab darauf Anspruch erhoben hatte. Die Legitimation Weidenwangs wurde vom Verein allerdings zweifelfrei bestätigt8.

Im Rahmen eines Besuches in Weidenwang im Mai 1860 prüfte Landrichter Stadelbauer gemeinsam mit dem Pfarrer die pfarramtlichen Belege nochmals persönlich. Dabei wurde irrtümlich der 4. Juli 1714 als der Geburtstag Christoph Willibald Glucks festgestellt. Tatsächlich handelt es beim 4. Juli um das Taufdatum, wie die Taufmatrikel der Pfarrei Weidenwang belegt.

Bezüglich des fraglichen Geburtshauses befand man aufgrund der Recherchen, dass dies wohl doch noch im Original existierte. Niemand konnte sich an einen Neubau erinnern. Das schwarze Gebälk und ein dort gefundener alter Hirschfänger sprachen für ein hohes Alter des fraglichen Hauses. Bezüglich der geplanten Gedenktafel hatte sich die Gemeinde wegen der Kosten noch nicht entschieden. Damit brach der erste Versuch, ein Denkmal in Weidenwang zu errichten, zunächst ab9.

Erst Jahre später und nach einem Führungswechsel in Beilngries kam wieder Bewegung in die Angelegenheit. Zunächst erhielt Pfarrer Ainmiller im Juli 1866 über die Regierung von Mittelfranken eine Anfrage aus Paris. Der junge Architekt der Großen Oper in Paris, Charles Garnier, ließ anfragen, an welchem Tag – 2. oder 4. Juli 1714 – Gluck geboren war. Außerdem sollte die Gemeinde ihr Wappen einreichen. Diese Informationen wurden für die Ausfertigung des Standbildes von Christoph Willibald Gluck im Vestibül der Oper benötigt. Pfarrer Ainmiller nannte als Geburtstag fälschlich den 4. Juli 1714, der tatsächlich der Tauftermin war. Nachdem Weidenwang kein eigenes Wappen besaß, wählte der Bezirksamtmann das Wappen von Beilngries, da „besondere Gründe dafür nicht bestehen, jenes der Stadt Berching zu wählen“10.

Im Rahmen seiner ersten Visite in Weidenwang im Oktober 1867 griff dann der neue, tatkräftige Bezirksamtmann Wilhelm Fischer die Denkmalspläne wieder auf. Und er hat mit der Gründung eines Denkmalkomitees sogleich eine organisatorische Basis geschaffen. Seine Mitstreiter waren Pfarrer Caspar Ainmiller und Gemeindevorsteher Joseph Burger. Ihr Ziel war nun nicht mehr eine Gedenktafel, sondern ein veritables Denkmal. Die erforderlichen Mittel wollte man mittels einer sich auf ganz Bayern und die deutschen Länder erstreckenden Sammlung auftreiben. Dazu bedurfte es einer „allerhöchsten Genehmigung“, die man umgehend beim Ministerium des Inneren in München beantragte. Ohne jede Angabe zur Form sowie zu den Kosten des geplanten Denkmals sahen sich die Ministerialen zu einer Beurteilung dieses Gesuchs allerdings nicht im Stande. Die Regierung in Mittelfranken stellte sogar die Notwendigkeit eines Denkmals infrage, da es in München bereits ein Gluck-Denkmal gab11.

Bezirksamtmann Fischer und sein Komitee ließen sich von diesen doch sehr reservierten Stellungnahmen nicht beeindrucken12. Man hielt die Anmerkungen des Ministeriums für wenig hilfreich, da man nach dem Motto „je mehr Geld, desto großartiger das Denkmal“ zu Ausführung und Kosten erst nach erfolgter Sammlung Auskunft geben wollte. Außerdem gab man sich überzeugt, dass Gluck - wie Friedrich Schiller, Hans Sachs, Wolfram von Eschenbach und andere große Männer auch - an seiner Geburtsstätte ein Denkmal verdient hätte. Am 3. Januar 1868 wandte sich das Komitee daher direkt an König Ludwig II. Unter Vorlage der Gluck-Biographie von Anton Schmid wurde um die Genehmigung einer landesweiten Sammlung gebeten, da Gluck auch landesweite Bedeutung hätte. Diesem Gesuch wurde jedoch angesichts zahlreicher anderer in Gang befindlicher landesweiter Sammlungen nicht stattgegeben. Für das Komitee war dies kein Grund zur Resignation. Im Juni richtete man eine Petition nach München und erbat von dem kunstsinnigen Ludwig eine Gabe aus der königlichen Kabinettskasse. Dieser Vorstoß wurde nun u.a. mit Verweis auf das Gluck-Denkmal Ludwig I. in München abgelehnt.

Auch davon ließ sich das Komitee nicht entmutigen. Ein neuerlicher Anlauf erfolgte im Oktober 1868. Um die Chancen zu erhöhen, wollte man nun die Sammlung auf den Kreis Mittelfranken oder gar nur auf einzelne Bezirksämter im Kreis beschränken. Wenn möglich, sollte auch die angrenzende Oberpfalz mit einbezogen werden. Dieser Antrag fand schließlich Gehör. Der Spendenaufruf wurde sogleich in den Amtsblättern und in der Presse veröffentlicht. Alle Musik- und Singvereine wurden angeschrieben und aufgefordert, das Projekt mit Spenden und Benefizveranstaltungen zu unterstützen. Im Amtsbezirk Beilngries wurde für alle Gemeinden gar eine Haus zu Haus-Kollekte angeordnet. Schon am 23. November trafen aus dem Dorf Hirschberg bei Beilngries die ersten 2 Gulden 15 Kreuzer ein13.

Der Anfang war gemacht. In den Folgemonaten wurden die Werbemaßnahmen weiter intensiviert, wie zahllose Anschreiben an Städte, Gemeinden und Vereine in Mittelfranken und der Oberpfalz belegen. Insbesondere aus der Region gingen erstaunlich hohe Summen ein. Die Gesellschaft Thalia in Beilngries erlöste 10 Gulden aus einem Theaterabend, der Gesangverein Berching 33 Gulden mit einem Benefizkonzert, aus Weidenwang trafen mehr als 20 Gulden ein, die Bürger der Gemeinde Beilngries spendeten 30 Gulden, die Liedertafel Eichstätt 30 Gulden, ein Konzert in Allersberg brachte immerhin 13 Gulden. Daneben wurden aus zahlreichen Orten Klein- und Kleinstbeträge von lokalen Sammlungen eingeliefert. Größter privater Sponsor war Müllermeister Meixner von der Gösselthalmühle bei Plankstetten mit 15 Gulden 45 Kreuzer.
Bis zum Jahreswechsel hatte man die ersten 400 Gulden beisammen. Dieser rasche Erfolg motivierte, die Fühler etwas weiter auszustrecken. Man suchte Kontakt zum Gluck-Biographen Schmid in Wien herzustellen. Dieser war jedoch bereits 1857 verstorben. Vom damaligen Wiener Bürgermeister Dr. Cajetan Felder wurde man an die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien weitervermittelt14.

Ein weiterer prominenter Zeitgenosse, den man kontaktierte, war Hans von Bülow, seinerzeit Hofkapellmeister in München und Ehemann von Franz Liszts Tochter. Ihn bat man um die Aufführung einer Gluckoper als Benefizkonzert und um die Einwerbung von Spenden bei einflussreichen Kunstfreunden. Bülow verwies die Petenten an den Intendanten des königlichen Hoftheaters Baron von Perfall, der ein großer Verehrer von Gluck war15. Und wer konnte schließlich die Bedeutung Glucks besser zu schätzen wissen als Richard Wagner. Auch er wurde vom Denkmals-Komitee angeschrieben. Man erwartete sich von ihm Unterstützung für das Vorhaben und insbesondere auch die Vermittlung von Kontakten nach München, Wien und Paris, von wo man sich größere Geldsummen erhoffte16.

Natürlich gab es auch Rückschläge. Die angeschriebenen Musikvereine besonders in größeren Städten waren häufig nicht in der Lage („…schlechte Zeiten…“) oder nicht willens („…Musiker tun nichts umsonst…“) für das Gluckdenkmal eine Benefizveranstaltung zu organisieren17. Dr. Carl Gerster vom Fränkischen Sängerbund war gar der Auffassung, dass es einen Unterschied zwischen Stadt und dem flachen Land gäbe. Gluck hätte sein ehernes Denkmal in München, für Weidenwang reiche eine Gedenktafel18. Dieser „städtische Dünkel“ ließ sich auch direkt aus dem Spendenaufkommen ablesen. Es fällt auf, dass im Vergleich zum „flachen Land“ insbesondere die (Groß-)Städte deutlich zurückbleiben. Ein Denkmal in München, Nürnberg oder Regensburg konnte man sich gut vorstellen, aber ein Denkmal in einem so unbedeutenden Dorf wie Weidenwang? Eine Ausnahme bildete Erlangen. Der dortige Akademische Gesangverein war mit 50 Gulden der erste respektable (groß)städtische Sponsor19.

Von den städtischen Vorurteilen unbeirrt trieb das Komitee mit professioneller Öffentlichkeitsarbeit die Angelegenheit weiter voran. Den Vorwurf, dass Weidenwang zu unbedeutend sei, konterte Bezirksamtmann Fischer selbstbewusst: „Wir setzen das Denkmal nicht der Bedeutendheit des Ortes wegen, sondern deshalb weil einer unserer größten Tondichter dort geboren ist“20. In seinen Pressemitteilungen und Sponsorenbriefen appellierte er insbesondere an das nationale Ehrgefühl: „…Gluck …größter deutscher Tonkünstler, …Schöpfer echter dramatischer Musik, …verschafft der Naturwahrheit und dem tiefen Sinn deutscher Musik einen glänzenden Triumph über italienische Weichlichkeit und Üppigkeit, … edlerer Opernstil, …dramatisches System, …Gluck stets ein geborener Bayer und somit die Zierde eueres echtdeutschen Königreichs…“21. Diese Strategie passte natürlich gut in die Zeit kurz vor Gründung des deutschen Nationalstaats.

Bis Ende Januar 1869 waren 500 Gulden eingegangen und die Erwartungen wurden weiter in die Höhe geschraubt: 1.000 bis 1.200 Gulden sollten es schon werden. Im Amberg brachte zu Beginn des Jahres 1869 ein Zeitungsartikel die dortigen Sammelaktivitäten des Unternehmers Carl Hofstetter ins Stocken22. Das Amberger Tagblatt veröffentlichte im Anschluss an einen Spendenaufruf des Gluck-Komitees eine Leserzuschrift, im welcher Weidenwang als Geburtsort Glucks angezweifelt wurde. Neustadt an der Waldnaab sei der wahre Geburtsort. Ob es ein Neustädter war, der hier Sand ins Getriebe streuen wollte, ließ sich nicht klären. Die Empörung bei den Weidenwanger Denkmalsfreunden über diesen unfreundlichen Akt war jedenfalls groß und dementsprechend ausführlich fiel die Gegendarstellung aus.
Mittlerweile war auch die Zeit zum Nachfassen gekommen. In Orten, von denen bislang keine Spenden eingegangen waren, wurden die Lehrer und Pfarrer als Musiksachverständige mit der Bitte um Unterstützung für das patriotische Unternehmen angeschrieben. Der Amtmann erinnerte säumige Gemeinden in seinem Bezirk an die veranlasste Haus zu Haus-Kollekte. Wenigstens drei Kreuzer je Haus wurden erwartet23.

In einem Schreiben an seine Komiteemitglieder in Weidenwang konnte Bezirksamtmann Fischer berichten, dass die Sache sehr gut lief. Er hege große Hoffnung auf eine Zuwendung des Königs. Das Ziel sei ein angemessenes Denkmal. Dafür lohne es sich auch zu warten, die Ausführung des Denkmals solle daher auf 1870 verschoben werden. Er selbst gehe mit bestem Beispiel voran – bisher habe er mindestens schon 200 Briefe geschrieben. Die Weidenwanger sollten aber auch einen verstärkten Eigenbeitrag leisten: Fischer schlug vor, eine Geldbüchse im Wirtshaus mit der Aufschrift „Beiträge zum Gluckdenkmal“ aufzustellen. Alle Gemeindeglieder incl. Pfarrverweser und Lehrer sollten sich verbindlich machen, allwöchentlich einen kleinen Beitrag von etwa zwei Pfennig bis drei Kreuzer zu leisten. Der gesammelte Betrag sollte dann monatlich an ihn abgeführt werden. Die Weidenwanger sollten auch ihren Pfarrverweser um Unterstützung bitten und die Nachbargemeinden im Bezirk Neumarkt namentlich Freystadt und Sulzbürg anregen. Von Sulzbürg kamen denn auch 10 Gulden, die der Rabbiner unter der dortigen Judengemeinde gesammelt hat. Eine Familienchronik berichtet außerdem, dass alle Heiratskandidaten einen Gulden für das Denkmal aufbringen mussten24.

Anfang März meldete sich die Königliche Hoftheaterintendanz und verlangte nähere Auskünfte zum Denkmalprojekt. Das Komitee hatte nun schon 720 Gulden gesammelt und wollte je nach Spendeneingang eine Büste oder ein Standbild aus Erz bzw. Stein, zumindest aber einen Granitblock mit Medaillon realisieren. Zwei Wochen später traf ein weiteres Schreiben aus München ein. Ein Freund von Bezirks-
amtmann Fischer hatte Kontakt zu einem namentlich nicht genannten Referenten aus dem engeren Umfeld des Königs aufgenommen. Folgende Vorgehensweise war mit dem Referenten vereinbart: Das Komitee sollte unmittelbar über ihn ein Petitum an den König richten. Dieses sollte das Vorhaben, den Stand der Sammlung und den veranschlagten Preis enthalten. Nachdem das Münchner Denkmal 15.000 Gulden gekostet hatte, sollte sich das Weidenwanger auf höchstens 2.000 Gulden belaufen. Unter Hinweis auf die Bedeutung Glucks und seine bayerische Herkunft sollte man zur Deckung der Kosten um die Aufführung einer Gluck’schen Benefizoper im Hof- und Nationaltheater oder um einen Zuschuss aus der Kabinettskasse bitten25.

Ende März trafen dann zwei Schreiben aus München bei unserem Bezirksamtmann ein: Das Schreiben der königlichen Hoftheaterintendanz war nicht günstig. Die angedachte Benefizopernaufführung zugunsten des Gluck-Denkmals wurde „der heraus entspringenden Consequenz“ wegen nicht genehmigt. Das zweite Schreiben aber enthielt die ersehnte positive Nachricht. König Ludwig II. stellte aus seiner königlichen Kabinettskasse 400 Gulden für das Denkmal zur Verfügung26. Umgehend wurde diese freudige Nachricht über eine Pressemitteilung verbreitet. Diese königliche Gabe war von überragender Bedeutung. Der Fonds war praktisch über Nacht auf 1.250 Gulden angewachsen. Was aber noch viel wichtiger war: Jetzt war das Denkmalprojekt von höchster Stelle anerkannt und als förderwürdig befunden. Das war sozusagen die Eintrittskarte für die „höchste Spielklasse“. Nun konnte man sich guten Gewissens an andere finanzkräftige Förderer wenden. Und damit begann eine völlig neue Kampagne.

Adressaten waren nun die Vertreter des gesamten deutschen Hochadels, die Könige, Großherzöge, Herzöge und Fürsten von Preußen, Württemberg, Baden, Hessen, Schwerin, Stettin, Sachsen-Weimar, Sachsen-Coburg-Gotha, Braunschweig, Oldenburg und Thurn und Taxis.... aber auch der Kaiser von Österreich. Außerdem wurden die Liedertafeln, Musik- und Singvereine in den 118 größten deutschen Städten angeschrieben. Ebenso wurde das Ausland verstärkt einbezogen. Wo immer ein bayerisches Konsulat vertreten war oder wo man um eine deutsche Kolonie wusste, dorthin wurden Bittbriefe verschickt. Zunächst beschränkte man sich auf die deutschen Gesangvereine in Paris, New York, Philadelphia und Porto Alegre. Rasch dehnte man die Aktion aber auf die ganze Welt aus: Amsterdam, Antwerpen, Campos in Brasilien, Christiania, Lisaboa, Liverpool, London, St. Louis, Louisville, Lyon, Madrid, Philadelphia, Marseille, Messina, Milwaukee, Moskau, New Orleans, Odessa, Riga, Rio de Janeiro, Rio Grande de San Pedro, Rotterdam, San Francisco, Stockholm, Garra da Greca, Pernambuco, Havre de Garça, Triest, Venedig, Wien, Winterthur, Petersburg, Neapel…27.

In den folgenden Monaten zeigte sich, dass der Zuschuss von König Ludwig tatsächlich so etwas wie ein Türöffner war. Mehrere Vertreter des deutschen Hochadels beteiligten sich mit größeren Einzelspenden an dem Vorhaben: 100 Gulden kamen von Hessen-Darmstadt, 50 Taler aus Schwerin, 100 Gulden aus Württemberg, 30 Taler aus Sachsen, 100 Taler = 175 Gulden vom König von Preußen, 100 Gulden vom Österreichischen Kaiser Franz Joseph. Weitere Spenden wurden in Aussicht gestellt28.

Die Auslandsaktivitäten entwickelten sich hingegen nicht so erfolgreich wie erwartet. Rückschauend gewinnt den Eindruck, manch bayerischer Konsul hat sich nicht sonderlich für das Projekt engagiert. Zumindest legen das ausweichende Antworten nahe: „Der Zeitpunkt wäre ganz ungünstig“, die „vermögende Klasse befände sich gerade nicht in der Stadt“, die deutsche Kolonie sei „nicht vermögend“29. Auch aus den europäischen Großstädten mit kultureller Tradition, mit einer vermögenden Oberschicht und engen Beziehungen zu Christoph Willibald Gluck kamen keine wirklich großen Spenden. Paris, wo Gluck seine größten Triumphe gefeiert hatte, bildete keine Ausnahme. An der Großen Oper kam keine Benefizveranstaltung für das Gluck-Denkmal zustande. Der Conservatoire de Musique de Paris konnte sich nicht entscheiden. Der deutsche Liederkranz in Paris brachte schließlich 23 Gulden 20 Kreuzer auf30. Die Voraussetzungen wurden auch nicht besser, im Gegenteil: der Bayerische Consul Schwab, der persönlich mit über 23 Gulden zum Denkmal beitrug, berichtete Anfang des Jahres 1870 von einer eher negativen Stimmung dem Vorhaben gegenüber, was der aktuellen politischen Entwicklung in Europa im Vorfeld des deutsch-französischen Krieges zuzuschreiben war. Das Komitee bat schließlich Baron Alphonse von Rothschild, der als Gesandter den Norddeutschen Bund in Paris vertrat, um Unterstützung. Dieser stiftete 100 Francs aus seiner eigenen Tasche. Eine rühmliche Ausnahme bildete Amsterdam. Die Gesellschaft zur Förderung der Tonkunst in Amsterdam und die Gesellschaft „Felix Meritis“ gaben je 50 Gulden, der bayerische Konsul legte aus eigenen Mitteln nochmals 25 Gulden drauf31.

Im Dezember 1869 hatte der Denkmalsfond einen Stand von 2.300 Gulden erreicht. Damit waren die den Weidenwangern vom Umfeld des Königs zugestandenen 2.000 Gulden bereits deutlich überschritten. Ohne in den Sammelaktivitäten nachzulassen, unternahm das Komitee erste Schritte in Richtung einer Realisierung des Denkmalplans. Die Gemeinde Weidenwang verpflichtete sich, das Grundstück für das Denkmal unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Maurermeister Müller aus Berching wurde mit einer ersten Planung beauftragt. Zur Mitte des Jahres 1870 war der Fonds auf 2.800 Gulden angewachsen. Eine stattliche Summe, wenn man bedenkt, dass man mit diesem Geld in Berching ein Bürgerhaus hätte kaufen können. Dennoch war man im Komitee nicht sicher, dass die Mittel ausreichten. Man stand nun in Kontakt zu Professor Konrad Knoll und Bezirksingenieur Georg Carl Heinrich Dollmann in München, beides Kapazitäten in ihrem Fach. Sie waren ausersehen, das Denkmal bzw. den Sockel auszuführen. Geplant war eine Bronzebüste Glucks in Hermenform auf einem Piedestal mit zwei Plinten aus rotem Salzburger Marmor. Das Angebot von Dollmann und Knoll belief sich auf 1.500 Gulden für die Bronzebüste und 1.200 bis 1.500 Gulden für den Sockel. Insgesamt sollte das Werk 10 ½ bayerische Fuß hoch werden32.

Einschließlich aller Nebenkosten kalkulierte Bezirksamtmann Fischer mit etwa 3.300 Gulden. Demnach fehlten ihm noch etwa 500 Gulden. In einem Hilferuf wandte sich Fischer erneut an Herrn von Bülow. Darin berichtete er, dass man mit unsäglicher Mühe 2.800 Gulden zusammengetragen habe. Er beklagte, dass allein die Unbedeutendheit von Weidenwang einen besseren Erfolg verhindert habe, weil die meisten mit Unrecht mehr auf den Ort als auf den Mann schauten. Um nicht auf einem Defizit von 500 Gulden sitzen zu bleiben, bat er um einen Teil der Einnahmen der geplanten Benefizkonzerte für Hans Sachs in Nürnberg, Würzburg und Erlangen. Bedauerlicherweise lehnte Bülow weitere öffentliche Auftritte ab33.

Es blieb nichts anderes übrig, als sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Der in vollem Gang befindliche deutsch-französische Krieg und die patriotischen Benefizaktionen zugunsten der Kriegsopfer machten eine Weiterführung der Sammlung unmöglich. Ende Oktober 1870 wurde mit Professor Knoll der Vertrag für das Denkmal aufgesetzt. Darin wurden die Kosten für die Büste auf 1.500 und für den Sockel auf 1.200 Gulden begrenzt. Der Preis schloss alles mit ein: Ausführung, Transport und Aufstellung einschließlich eines Eisengitters. Ingenieur Dollmann war über diese Kostenbegrenzung, die nur ihn betraf, nicht glücklich. Aber Kunstprofessor Knoll meinte, das reiche gut. Die Gemeinde Weidenwang verpflichtete sich, auf eigene Kosten das Fundament auszuführen34.

Die Vorarbeiten für das Denkmal schritten gut voran und der Zeitplan sah vor, das Denkmal am Geburtstag Glucks im Juli 1871 zu enthüllen – wenn bis dahin der Frieden gesichert war. Nach dem Vorfrieden von Versailles Ende Februar 1871 kündigte man in einer Pressemitteilung die Denkmalsenthüllung für den 4. Juli öffentlich an – dankbar darüber, noch vor Kriegsbeginn die Mittel für das Denkmal zusammengebracht zu haben35.

Nun war es an der Zeit, sich Gedanken zum Ablauf der Enthüllungsfeier zu machen. Im April gründete sich in Weidenwang unter Leitung von Amtmann Fischer ein Festkomitee, das den Rahmen festlegte: Das Fest sollte musikalisch von Musik- und Gesangvereinen umrahmt werden. Festplatz sollte der Wirtsgarten in Weidenwang mit den angrenzenden Wiesen sein. Bei Regen wollte man die Feier nach der Enthüllung in Berching abhalten36. Professor Knoll, den man in Sachen Festprogramm konsultierte, wusste ferner zu berichten, dass anlässlich der Einweihung des Gluck-Denkmals in München der Skythenchor von Gluck aufgeführt worden war. Er konnte auch eine Bearbeitung für Chor und Begleitung mit Blasinstrumenten auftreiben. Kurz darauf meldete sich der Sohn des vormaligen Hofkapellmeisters Joseph Hartmann Stuntz beim Komitee. Der mittlerweile verstorbene Hofkapellmeister hatte die musikalische Umrahmung bei der Enthüllung des Münchner Gluck-Denkmals im Herbst 1848 gestaltet und der Sohn bot die Chorbearbeitung an37.

Die Einladung zu den Einweihungsfeierlichkeiten wurde über die Presse verbreitet, zusätzlich wurden 75 Musikvereine und Verbände unmittelbar angeschrieben. Das Festkomitee stellte ein musikalisches Rahmenprogramm zusammen, das gemeinsam von allen anwesenden Musikgruppen bestritten werden sollte. Gedacht war an einen Kanon von Stücken und Liedern, der von allen Sängern und Musikern gemeinsam vorgetragen werden sollte. Dieser enthielt der nationalen Grundstimmung entsprechend:

>    Einen Festmarsch und ein Festlied, nach einem Gedicht des Landrichters Graf und komponiert von Bezirksamtmann Möswang, beide aus Greding
>    Den „Skythenchor“ von Gluck
>    Das „Deutsche Lied“ von Johannes Wenzelslaus Kalliwoda
>    „Was ist des Deutschen Vaterland“
>    „Die Wacht am Rhein“

Noten und Texte wurden an die angemeldeten Singvereine und Kapellen verschickt. Darüber hinaus waren die Gesangvereine und Kapellen aufgefordert, eigene Beiträge – nach Möglichkeit von Gluck – zum Vortrag zu bringen. Bald darauf trafen von überallher Zusagen von Musikgruppen und Chören ein. Es wurde rasch absehbar, dass man mit der Teilnahme zahlreicher Vereine und Sänger rechnen konnte38.

In Weidenwang wurden die letzten Vorbereitungen für das Setzen des Denkmals getroffen. Der endgültige Standort, ein freier Platz im Ortszentrum nahe der Kirche und dem Pfarrhof, wurde bestimmt und dort das Fundament nach den Vorgaben aus München ausgemauert. Auf Vorschlag von Bezirksamtmann Fischer sollte die Büste nach Norden auf den Sulzbürg, einem freistehenden Bergrücken im Sulztal, hinsehen. Nach einigen Verzögerungen konnte das Denkmal gerade noch rechtzeitig Ende Juni per Bahn nach Ingolstadt und von dort mit dem Fuhrwerk nach Weidenwang gebracht werden. Mit Unterstützung einiger kräftiger Weidenwanger wurde das Monument von einem Münchner Steinmetz und seinem „Parlier“ aufgestellt. Ein schmiedeeisernes Gitter schützte das Gluck’sche Denkmal vor Beschädigungen.

Die Bewirtung auf dem Festplatz wurde an fünf Wirte aus der Region vergeben. Auch dabei wird deutlich, dass sich der Bezirksamtmann um alle Details kümmerte. Mit den lizenzierten Wirten wurden detaillierte Vereinbarungen über das „Traiteriegeschäft“ auf der Festwiese getroffen. Die ausgewählten Wirte verpflichteten sich u.a. zur Lieferung von Bier „in ausreichender Quantität … unverfälscht und von bester Qualität“ sowie für „einfache Küche kalt und warm und in ausreichender Weise“ Sorge zu tragen. Ebenso forderte er die Wirte zu einer tüchtigen Wirtschaftsführung auf. Amtmann Fischer legte größten Wert auf ein besonders gutes Arrangement. Schließlich erwartete man Gäste von überall her. Die Feuerwehren der Umgebung waren zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung einbestellt. Für die Festvorbereitungen vor Ort und den Festschmuck war der königliche Oberförster Georg Pöhlmann aus Burggriesbach verantwortlich. Eine Woche lang war er mit Aufbauen und Arrangieren beschäftigt39.

Alles war perfekt geplant, alles lief bestens. Aber auch damals war nicht alles planbar. In der Nacht zum 4. Juli gingen bei Schamhaupten schwere Unwetter nieder und zwangen die dortigen Musikanten zur Absage. Weitere Absagen waren der Rückkehr der siegreichen bayerischen Truppen vom Frankreichfeldzug, der genau in diese Tage fiel, geschuldet. Der Feier tat dies aber keinen Abbruch. Für Weidenwang war es in jedem Fall der größte Tag in seiner Geschichte40.

Der 4. Juli war ein Dienstag. Vormittags war zunächst in Berching traditionell Viehmarkt. Gegen Mittag sammelten sich die Leute dann massenhaft in Weidenwang. An die 3.000 Besucher sollen es gewesen sein und die Festwägen, Chaisen und Wagen nahmen kein Ende. Alle Plätze und Gärten waren mit Fahrzeugen und alle Scheunen mit Pferden belegt. Ein Teil der Fahrzeuge musste wegen Platzmangel bereits in Erasbach stehen bleiben. Aus allen Orten der Umgebung waren die Blaskapellen und Musikvereine vertreten. Der gesamte Ort war mit Fahnen und Triumphbögen und Spalierbäumen aus Fichten geschmückt. Die Gärten waren voll mit Bierbänken.

Um 2 Uhr nachmittags hat sich im unteren Dorf der Festzug aufgestellt und ist durch das Dorf zum Geburtshaus Haus-Nr. 42 gezogen, wo Bezirksamtmann Fischer eine Ansprache gehalten hat. Anschließend zogen die im Festzug aufgestellten Gesangvereine, Feuerwehren und Musikkapellen zurück zum Denkmal. Im Anschluss an eine weitere Festansprache des Bezirksamtmanns wurde das Denkmal feierlich enthüllt. Nach Musik- und Gesangvorträgen bewegte sich der Zug in den benachbarten Pfarrhof, wo weitere Ansprachen des Bezirksamtmanns und des Herrn Pfarrers Ludwig Katheder folgten. Dann wurde in den Biergärten bei Musik und Gesang gefeiert. Böllerschüsse krachten den ganzen Nachmittag bis in die Nacht hinein und vor dem Denkmal wurden nachts Feuerwerke abgebrannt. Die Zahl der Besucher nahm bis spät in die Nacht nicht ab, da die Lücken der heimkehrenden Gäste von auswärts abends durch das Landvolk der Umgebung aufgefüllt wurden. Dieses hatte wegen der Heuernte auf das Gluckfest verzichten müssen.

Bedauert wurde, dass keine der eingeladenen höhergestellten Persönlichkeiten den Weg nach Weidenwang gefunden hatte. Nicht einmal der Regierungspräsident nahm sich Zeit für einen Besuch. Auch wenn es nicht belegbar ist, so scheint hier doch eine gewisse Herablassung zum Ausdruck zu kommen. Am darauf folgenden Tag gab es in Weidenwang eine kleine Nachfeier, auf der sich die Gemeinde bei den Organisatoren bedankte. Im Nachgang an die Feierlichkeiten wurden Dankesschreiben mit Bildern von Denkmal und Geburtshaus an die Bezirksregierungen, die Adelshäuser und größeren Spender verschickt41.
Im Rahmen des Festakts am 4. Juli wurde das Gluckdenkmal der Gemeinde Weidenwang zum Eigentum übertragen. In der Schenkungsurkunde werden der Werdegang nochmals kurz geschildert und die bedeutendsten Sponsoren namentlich genannt. Die Gemeinde Weidenwang akzeptierte die Schenkung und verpflichtete sich, das Denkmal für alle Zeit „sorgfältigst“ zu erhalten42.

Die Schlussabrechnung für das Denkmal ergab beinahe eine Punktlandung. Insgesamt hatte man 2.828 Gulden an Spenden eingenommen. Weitere 144 Gulden konnten an Zinsen erwirtschaftet werden. Die Ausgaben summierten sich auf 2.700 Gulden für das Denkmal und weitere 254 Gulden für alle Nebenkosten wie Briefporti, Zeitungsanzeigen, Festvorbereitungen etc. Es verblieb somit ein Restguthaben in Höhe von 18 Gulden. Dieser Betrag wurde von der Gemeinde Weidenwang auf 25 Gulden erhöht. Mit diesem Geld wurde eine Grundrentenobligation als Denkmalserhaltungsfonds angekauft43.

Die nächsten 40 Jahre konnten sich die Weidenwanger ungestört ihres Denkmals erfreuen. Erst 1914 stand eine größere Feier an - der 200. Geburtstag des großen Sohnes. Natürlich fühlte man sich in Weidenwang verpflichtet, dieses Jubiläum in geeigneter Form zu feiern. Nachdem sich die Vermögensverhältnisse der Gemeinde nicht grundlegend gebessert hatten, wurden für die Ausrichtung des Festes Sponsoren gesucht. König Ludwig III. von Bayern und der Kommerzialrat und Großindustrielle J.B. Ulrich aus Wien stifteten je 100 Mark. Die Regierung in Regensburg hatte dafür keine Mittel übrig44. Man beauftragte zwei Festredner. Einer sollte Gluck an seinem Denkmals als Tondichter würdigen. Der zweite, nämlich Domkapitular Franz Xaver Buchner, sollte am Geburtshaus Erinnerungsworte zu Gluck sprechen.

Buchner, ein kundiger Heimatforscher, hat zu diesem Zweck erstmals die vorhandenen Unterlagen im Pfarr- und Kreisarchiv nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewertet45. Dabei macht er die überraschende Festsstellung, dass Gluck nicht am 4. Juli 1714 in Weidenwang, sondern am 2. Juli 1714 im benachbarten Erasbach zur Welt gekommen sein musste. Ein erster Hinweis war der Taufmatrikeleintrag für den 1716 geborenen Christoph Antonius Gluck. Dieser ist mit dem Zusatz E für Erasbach versehen. Weitere Belege die Forstdienstellen in Erasbach und Weidenwang betreffend, sowie das von Alexander Gluck erbaute Forsthaus in Erasbach brachten die Gewissheit: Christoph Willibald Gluck war in Erasbach auf die Welt gekommen.

Die Berichte über die unmittelbaren Konsequenzen aus den für Weidenwang so fatalen Forschungsergebnissen Buchners gehen weit auseinander. Der (mündlichen) Überlieferung nach kam die Bekanntgabe der Buchner’schen Forschungsergebnisse kurz vor der geplanten Feier am 5. Juli 1914 für Weidenwang einer Katastrophe gleich und hat die Feier ernsthaft in Gefahr gebracht. So heißt es, dass die ahnungslosen Festgäste in eine prekäre Situation gerieten. Das Denkmal war von zwei sich feindlich gegenüberstehenden Parteien aus Weidenwang und Erasbach flankiert. Seitens der Obrigkeit hatte man diese Situation glücklicherweise vorausgesehen. Um gewalttätige Auseinandersetzungen zu unterbinden, waren 40 Gendarmen zu der Feier entsandt. Dieser Polizeischutz hat den ordnungsgemäßen Ablauf der Feierlichkeiten gesichert.

Prälat Buchner wollte gar von seinem Vortrag zurücktreten. Er konnte aber dennoch dazu überredet werden. Um die angespannte Atmosphäre nicht weiter anzuheizen, soll Buchner in seinem Festvortrag eine eindeutige Aussage zu Glucks Geburtsort vermieden haben. Mit der sybillinischen Bemerkung: „In diesem wunderschönen Tal der Sulz wurde Christoph Willibald Ritter von Gluck, der große deutsche Tondichter, geboren“, war der Wahrheit genüge getan und kein erneuter Anlass für Spott und Zorn gegeben46.
Von dieser Darstellung völlig abweichend berichtet das Neumarkter Tagblatt in seiner Ausgabe vom 7. Juli 1914 hingegen von einem friedlichen Festverlauf „in schönster Harmonie und Freude“. Aus dem Zeitungsbeitrag lässt sich entnehmen, dass Franz Xaver Buchner in seinem Festvortrag den Geburtsort Weidenwang nicht explizit infrage gestellt hat.

Unabhängig davon, welche Version des damaligen Geschehens der Wahrheit entspricht: für die damaligen Bewohner des Dorfes Weidenwang und auch für die nachfolgenden Generationen war es sicherlich ein tragisches Ereignis, zumal der Nachbarort Erasbach ohne eigenes Zutun den Profit davon hatte. Über Jahrzehnte war Gluck ein Zankapfel zwischen beiden Dörfern. Und natürlich hat auch Erasbach seinem Gluck ein Denkmal – von missgünstigen Weidenwangern als „Markstein“ abqualifiziert – gesetzt.

Mit der Gebietsreform in den 1970er Jahren ist Gluck auch Berchinger geworden. Mit regelmäßigen Konzerten und Aufführungen Gluck’scher Werke pflegt die Stadtgemeinde seither das Andenken an den großen Tondichter. Erinnert sei hier nur an die Freilichtaufführungen der vergangenen Jahre „Orpheus und Eurydike“, „La Danza“ und „Der betrogene Kadi“, die traditionellen Sommerkonzerte mit Werken von Gluck sowie die Landpartien - Gluck zum Kennenlernen. Aber auch der Männergesangverein Berching und der Kirchenchor Erasbach halten mit eigenen Bearbeitungen Gluck’scher Werke die Erinnerung wach.

Mit den ersten Internationalen Gluck-Festspielen 2005 in Nürnberg haben auch die Franken ihren berühmtesten Sohn wiederentdeckt. Das bringt mich zurück zu meiner eingangs gestellten Frage. Wer war nun Christoph Willibald Gluck? Ein Weidenwanger? Ein Erasbacher? Ein Berchinger? Ein Oberpfälzer? Ein Böhme? Ein Österreicher? Ein Franke?

Man könnte jetzt diplomatisch sein und sagen: „Gluck war ein Europäer“. Andererseits, was ist so schlecht daran, wenn so viele Landsmannschaften um das Andenken an den großen Tondichter wetteifern?

Autor: Hans Rosenbeck
 

Fußnoten:

1Acta des Königlichen Bezirksamts Beilngries. Betreff: Recherchen über den Geburtsort des Tondichters Christoph von Gluck. Herstellung eines Gluck-Denkmals in Weidenwang 1859 u. ff. (Ms. ohne Signatur im Stadtarchiv Berching; im Folgenden abgekürzt: Denkmal). Der Aktenfaszikel ist gebunden, die einzelnen Stücke sind durchnummeriert (1-300). Der Aktenvorgang beginnt mit dem 25. November 1859. Die nummerierten Stücke enden mit dem 5. Juli 1871. Das Dokument mit der Nummer 91 (wohl 21. oder 22. Januar 1869) wurde herausgetrennt und fehlt. Der Akt enthält noch weitere Briefe und Dokumente, deren letzter vom 9. Februar 1886 datiert. Bis zum Dokument 135 sind die Blätter auch foliiert (fol. 1 bis fol. 167). Nachdem die Foliierung unvollständig ist, wird in den Anmerkungen die Nummer des Dokuments (Denkmal 1 Denkmal 2, Denkmal 15 etc.), bzw. bei den nicht nummerierten Dokumenten das Ausstellungsdatum genannt. Das Archivale gelangte aus den Beständen des Bezirksamts Beilngries auf unbekannte Weise in den Besitz der Stadt Beilngries. Der Stadtrat von Beilngries überreichte den Akt im Jahr 1983 der Stadt Berching als Geschenk zur 1100 Jahrfeier.

2 Denkmal 1.

3 Denkmal 2; Anton Schmid, Christoph Willibald Ritter von Gluck. Dessen Leben und tonkünstlerisches Wirken. Leipzig 1854.

4 Denkmal 4.

5 Denkmal 6.

6 Das Schreiben ist nicht überliefert, der Inhalt geht jedoch aus dem Antwortschreiben von Pfarrer Ainmiller hervor. Vgl. dazu und zum Folgenden Denkmal 9. -Das Landgericht bzw. Bezirksamt Beilngries und mit ihm Weidenwang gehörten von 1838 bis 1879 zum Kreis Mittelfranken.

7 Denkmal 11.

8 Denkmal 12 u.13.

9 Denkmal 15, 16.

10 Denkmal 18. In der Pariser Oper findet sich tatsächlich das Beilngrieser Wappen über der Statue des Komponisten.

11 Denkmal 23, 24, 25; Das Gluck-Denkmal in München ist ein Werk des Bildhauers Friedrich Brugger und wurde unter Ludwig I. 1848/49 auf dem Münchner Odeonsplatz aufgestellt. Heute steht das Gluck-Denkmal auf dem Münchner Promenadeplatz.

12 Vgl. hierzu und zum Folgenden Denkmal 24-32.

13 Denkmal 33-35 und 38. Vgl. dazu und zum Folgenden auch die Rechnung über das Glucksche Denkmal, das ein Verzeichnis aller Einnahmen und Ausgaben im Zusammenhang mit der Herstellung des Denkmals enthält (Ms. im Stadtarchiv Berching, ohne Signatur).

14 Denkmal 45, 53, 74 und 75.

15 Brief vom 23. Januar 1869 und Antwortschreiben vom 27. Januar 1869; vgl. Denkmal 94 und 106.

16 Vgl. Denkmal 112, Anschreiben vom 1. Februar 1869, über ein Antwortschreiben Wagners ist nichts bekannt.

17 Vgl. etwa Denkmal 66, 73, 127, 132, 138.

18 „Ich habe verschiedene Urtheile über die Art solcher Denkmale gehört – jedenfalls ist ein Unterschied zu machen zwischen einem Denkmal in einer Stadt und auf dem flachen Lande – Ländlich sittlich und Eines geht nicht fürs Andere…“, Denkmal 79.

19 Vgl. die Einnahmenaufstellung in der Rechnung über das Gluck’sche Denkmal (Ms. Stadtarchiv Berching).

20 Vgl. Denkmal 136, Pressemitteilung vom 6. März 1869.

21 Vgl. etwa Denkmal 78, 154.

22 Denkmal 80, 83, 89 u. 90.

23 Denkmal 88, 101, 109, 121.

24 Denkmal 139. Johann Adam Wiesner, Orts-und Familienchronik der Gemeinde Weidenwang, Weidenwang 1912, S. 72 (Ms. in Privatbesitz).

25 Denkmal 140. Bei dem Freund handelte es sich um den Juristen und Landtagsabgeordneten Mathias Buchner, geboren in Thannhausen bei Freystadt. Buchner war damals königlicher Notar und Landgerichtsassessor in Hilpoltstein. Er vertrat in den Jahren 1868/69 im Landtag den Wahlbezirk Neumarkt. Vgl. Geschichte des Bayerischen Parlaments 1819-2003, CD-Rom, hrsg. vom Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg.

26 Vgl. Denkmal 145, 146, 147 u.150.

27 Vgl. Denkmal 154, 158, 159, 187 u. 188.

28 Vgl. Denkmal 163, 164, 165, 168, 169, 171, 174, 177, 193, 202, 213.

29 Vgl. etwa Denkmal 194, 195, 196, 199, 201, 205.

30 Vgl. Denkmal unter dem Datum 3. Mai 1870.

31 Denkmal 207; vgl. hierzu auch die von Amtmann Fischer angelegte Rechnung über das Gluck-Denkmal (Ms. ohne Signatur im Stadtarchiv Berching), die alle Einnahmen und Ausgaben chronologisch verzeichnet. Aus Übersee spendet allein Kaufmann Karl Schäfer aus Buenos Aires 30 kr. Aus Innsbruck kommen nur etwas mehr als 2 Gulden, vom Madrider Generalkonsul Daniel Weisweiller 17 ½ Gulden, aus Venedig 11 Gulden 46 Kreuzer, aus Bremen 3 Gulden 45 Kreuzer.

32 Vgl. Denkmal 237; Professor Konrad Knoll zeichnet für mehrere bekannte Skulpturen, darunter den Fischbrunnen am Münchner Marienplatz, verantwortlich. Dollman war Architekt, zeitweise künstlerischer Gehilfe von Klenze und arbeitete von 1868 an für Privatprojekte König Ludwig II. Von 1875 an war er Vorstand des königlichen Privatbaubüros. Vgl. Karl Bosl, Bayerische Biographie, Regensburg 1983, S. 149­-150.

33 Denkmal 234.

34 Denkmal 243, 244, 245.

35 Denkmal 248.

36 Denkmal 254.

37 Denkmal 253, 256, 266, 269.

38 Denkmal 255, 257, 258, 259, 260, 262, 267, 270, 272, 278, 283, 284, 285, 287. Die Einladungskarte und das Festgedicht des Landrichters Graf sind jeweils in gedruckter Fassung als Nrr. 296 und 297 im Denkmalsakt abgeheftet.

39 Denkmal 268, 271, 273, 274.

40 Vgl. hierzu und zum Folgenden die Schilderung des Festtages in der Orts-und Familienchronik der Gemeinde Weidenwang, Weidenwang 1912, S. 70-72 (Ms. in Privatbesitz). Weitere Berichte über den Festtag finden sich in der Zeitschrift Die Sängerhalle Nr. 18 (Leipzig 1871), S. 137-139 und im Beilngrieser Amts-und Wochenblatt Nr. 28 vom 9. Juli 1871, S. 179-180. Im Akt des Bezirksamts ist auch das Manuskript der Rede von Bezirksamtmann Fischer bei der Denkmalsenthüllung enthalten.

41 Denkmal Briefentwurf vom 5. August 1871.

42 Vgl. Schenkungsurkunde vom 4. Juli 1871 (Ms. ohne Signatur im Stadtarchiv Berching).

43 Vgl. die Belege und Abrechnungen im Akt Gluck-Denkmals-Cassa (Ms. ohne Signatur im Stadtarchiv Berching) und die Rechnung über das Gluck’sche Denkmal (Ms. ohne Signatur im Stadtarchiv Berching).

44 Current-Kasse-Tagebuch für die Gluckfeste-Kasse der Gemeinde Weidenwang 1914 (Stadtarchiv Berching ohne Signatur).

45 Franz Xaver Buchner, Das Neueste über Christof Willibald Ritter von Gluck, Kallmünz 1915.

46 Diese Darstellung wird gestützt durch einen Beitrag von Joseph Schmitt, Zur Familiengeschichte des berühmten Oberpfälzers Christoph Willibald Ritter von Gluck, in: VHVO 95 (1954), S.217f. Schmitt beruft sich dabei auf einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1914. Da er hierzu keine näheren Angaben macht und ein solcher bislang nicht auffindbar ist, bleibt er den tatsächlichen Nachweis allerdings schuldig.